Kondensattolerierende Innendämmsysteme

Beitrag vom Donnerstag, 07.10.2021

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anatol worch

Dipl.-Phys. Dr.-Ing. Anatol Worch

Seit über 30 Jahren in der Bauphysik: Ihr kompetenter Ansprechpartner in allen Fragen der Bauphysik (Schall, Wärme, Feuchte).

Kondensattolerierende Systeme sind ein völlig neuer Ansatz und stellen die bisherige Vorgehensweise in der Bauphysik quasi auf den Kopf: Man möchte kein Kondensat mehr vermeiden, sondern vielmehr die stets vorhandenen Diffusionsströme so beeinflussen, lenken bzw. managen, dass dauerhaft kein Schaden entstehen kann. 

 

Kondensattolerierende Innendämmsysteme

 

  1. Funktionsprinzip

Bei sogenannten kapillaraktiven Dämmsystemen lässt man im Gegensatz zu den anderen Schutzprinzipien Tauwasser ausdrücklich zu und stellt sicher, dass dieses nur Bereiche und Materialien betrifft, die mit diesen höheren Wassergehalten umgehen können. Wasserdampf diffundiert von innen bis zur „Tauebene“ Dämmstoff/Kleber, fällt dort als Tauwasser aus und wird vom kapillaraktiven Dämmstoff in den Dämmstoff hinein in Richtung innere Oberfläche weitergeleitet. Es entstehen also zwei gleichzeitig stattfindende, gegenläufige Transportprozesse mit der Folge, dass selbst kurze Entlastungphasen ausreichen, damit das in den Dämmstoff kapillar weitergeleitete Wasser wieder nach innen abtrocknen kann. So kommt es langfristig zu keiner Auffeuchtung der Konstruktion und bildet den ursprünglichen Gedanken der kapillaraktiven Innendämmung ab.

Aus physikalischer Sicht sind lediglich zwei Materialgruppen wirklich kapillaraktiv im oben definierten Sinn. Die meisten heute kapillaraktiv genannten Dämmsysteme basieren vor allem auf der ausreichenden Wasserspeicherfähigkeit der verwendeten Dämmstoffe.

Innerhalb der Konstruktion kommt es nur sehr selten zum direkten Ausfall von Tauwasser, vielmehr steigt in Folge des Temperaturgefälles die relative Feuchte und damit auch die sorptiven Wassergehalte innerhalb der Baustoffe an. Oberhalb 95 % r. F. ist dann ein Niveau erreicht, in dem sich in sehr kleinen Poren bei Caliumsilikaten und Perliten Flüssigwasser bilden kann, welches dann in trockenere Bereiche des Dämm-Materials weitergeleitet wird. Das heißt, dass der Baustoff eine merkliche Flüssigwasserverteilung im „trockenen“ Zustand – also bei sehr geringen Wassergehalten – benötigt, damit das Schutzprinzip Kapillaraktivität funktioniert. Die meisten der verwendeten Dämmstoffe wie beispielsweise Holzweichfaser besitzen jedoch nur sehr geringe kapillare Transportfähigkeiten, weisen jedoch extrem hohe Wasserdampfspeicherpotentiale auf (aus diesem Grund vermeide ich in aller Regel den Begriff „kapillaraktive Innendämmung“). Bei dem typischerweise sehr diffusionsoffenen Aufbau solcher Dämmsysteme kommt es im Tagesverlauf zu einer klassischen Wechselbelastung (während der Nacht Betauung, während des Tages Abtrocknung) und damit zu einem sicheren Tauwassermanagement.

  1. Vorteile kondensattolerierender Systeme

Kondensattolerierende Innendämmsysteme weisen systembedingt sehr hohe Abtrocknungspotentiale zur inneren Oberfläche auf. Das bedeutet, dass solche Systeme besonders fehlertolerant sind gegenüber zusätzlicher Feuchtequellen. Die Verzögerung der Abtrocknung der Außenwand und die ggf. erhöhte Abtrocknungsrate nach innen stellt für diese Systeme kein Problem dar. Gleiches gilt für weitere Quellen wie aufsteigende Feuchte und in gewissen Rahmen auch für Montagefehler bzw. -ungenauigkeiten.

Gerade weil oftmals der vorhandene Schlagregenschutz einer bewitterten Fassade nicht genau abgeschätzt werden kann, finden diese Systeme oftmals Anwendung, da damit Folgeschäden einer verzögerten Abtrocknung oder sogar langsamen Auffeuchtung der Außenwand vermieden werden können.

  1. Nachteile kondensattolerierender Systeme

Damit die Funktionstüchtigkeit eines kondensattolerierenden Innendämmsystems langfristig aufrecht erhalten bleibt, muss die innere Oberfläche diffusionsoffen bleiben. Eine zu dichte Beschichtung der Oberfläche zerstört das gewählte Schutzprinzip und begrenzt vor allem die vorhandene Toleranz gegenüber zusätzlicher Feuchtequellen. Dem Nutzer der Wohnung stehen somit nur bestimmte Farben und nur eine eingeschränkte Auswahl an Oberflächengestaltungen zur Verfügung. Im eigengenutzten Wohnraum stellt dies in aller Regel kein Problem dar.

Eine vollflächige Verklebung der Dämmplatten ist notwendig. Der Kleber ist nicht nur das Verbindungsmittel zwischen Dämmstoff und Außenwand sondern definiert innerhalb eines kondensattolerierenden Innendämmsystems auch den Ort, an dem das Tauwasser ausfallen soll. Nur wenn es sich mit Kontakt zum Dämmstoff bilden kann, kann die Funktionalität des Systems sichergestellt werden. Daher wird in aller Regel auch die Rückseite der Dämmplatte mit dem Kleber beschichtet und nicht die zu dämmende Außenwand. Andernfalls würde sich Tauwasser auf der kalten Seite, also der inneren Oberfläche der Außenwand, bilden, dort zu Feuchteansammlungen führen oder in kritische Bereiche der Konstruktion ablaufen können.

  1. Quintessenz

Kondensattolerierende Innendämmsysteme erfreuen sich auf Grund ihrer hohen Fehlertoleranz bezüglich zusätzlicher Feuchtequellen großer Beliebtheit und werden daher sehr oft eingesetzt. Kritisch sind jedoch die Einschränkungen der inneren Oberfläche insbesondere bei Wohnraumvermietungen zu sehen.

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